Campermenschen – Ein Deep Dive in unsere Camper Community

Camping ist nicht gleich Camping. Je nachdem, wie man reist und campiert, kann Camping ganz unterschiedliche Facetten und Prioritäten haben. In diesem Bericht nehme ich Euch mit zu meinem Camperstammtisch, wo Silvio der Fahrradcamper, Philipp der Motorradcamper und Severin der VW Buscamper über ihre Art zu campen und reisen berichten.
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In den letzten Jahren sind Campingferien zum Lifestyle vieler Menschen geworden. Die Campingplätze und Regionen haben massiv aufgerüstet und bieten ein vielfältiges Angebot für gross und klein. Glamping, Pauschalcamping, Vermietung von Campern aller Art – alles ist möglich und erschwinglich. Wohnmobile, Wohnwagen und Campervans auf Camping- oder Stellplätzen dominieren die Masse. Und doch gibt es noch einige unter uns, die auf ihre ganz eigene Weise reisen und campieren. Gerne möchte ich euch nun drei Vertreter dieser Gilde vorstellen. Ich habe sie dazu gebeten, uns ihre Art des Reisens und Campierens vorzustellen, wie sie planen und was für sie bei ihrem Campingurlaub wichtig ist.

Der Fahrradcamper: Silvio (62, Wirtschaftsinformatiker und Projektleiter)

Ich bin meistens alleine unterwegs. Meine Touren dauern zwischen drei Tagen und mehreren Wochen. Dabei dient mir mein Zelt als sehr einfaches und flexibel einsetzbares Nachtlager. Es lässt sich innert weniger Minuten aufbauen und am folgenden Tag ebenso schnell, meist schon vor Sonnenaufgang, wieder abbauen.

Silvio mit seinem Velo

Eine Tagesetappe liegt zwischen 85 und 110 km, wobei ich dann nicht selten bis zu sieben Stunden im Sattel sitze. Während der Tour schaue ich mir gerne auch mal Sehenswürdigkeiten an, aber eigentlich ist der Weg das Ziel. Damit meine ich die bewusste Wahrnehmung der Natur, Sehen, Hören, Riechen gepaart mit Abenteuerlust. Ein wundersamer Cocktail, der mich den Alltag komplett vergessen lässt. Wenn es mir irgendwo gefällt dann bleibe ich auch gerne mal einen Tag und nutze dann sehr gerne die Infrastruktur eines Campingplatzes mit Restaurant, Bademöglichkeit und guter Verpflegung. Apropos Verpflegung, in der Regel koche ich abends auf meinem Trangia Spiritusbrenner Instant Gerichte. Das geht schnell und gelingt eigentlich immer. Meistens sind es kohlenhydratreiche Mahlzeiten, hauptsächlich Nudel- oder Reisgerichte; das Benzin für die Muskulatur, ihr wisst schon. Dazu ein Bier und dann wird meistens die nächste Etappe konkretisiert. Zum Abschluss noch etwas lesen und dann ist auch schon Schlafen angesagt.

Bei meinen ersten Radreisen habe ich die gesamte Strecke fast metergenau geplant. Aber oftmals ging der Plan schon nach wenigen Tagen nicht mehr auf. Auf der Reise von Wien zur Donauquelle in Donaueschingen hatte ich schon am zweiten Tag eine Panne und musste eine Fahrradwerkstätte aufsuchen. Dadurch verlor ich einen halben Tag, den ich bis zum Ende der Reise nicht mehr aufholen konnte und hing dann fast zwei Wochen lang permanent einen halben Tag meiner ursprünglichen Planung hinterher. Oder letztes Jahr, die Reise von Rom nach Bellinzona. Da wurde der gemäss meiner Planung vorgesehene Campingplatz wegen Wasserverschmutzung kurzerhand von der Regierung geschlossen. Also improvisieren, weiterziehen und für die Nacht eine Bleibe suchen. Nach ca. 10 km hatte ich ein Bread&Breakfast (B&B) gefunden, was zudem noch auf meiner geplanten weiteren Route lag und meine Planung somit immer noch gültig war. Also Schwein gehabt. Seither plane ich nur noch die gesamte Route. Die Standorte fürs Nachtlager werden spontan ausgewählt. Was mich zum Thema Wildcamping führt.

Die mobile Velo Küche

Um in Zukunft diesbezüglich flexibler reisen zu können, habe ich mich mit dem Wildcampen angefreundet.

Das letzte Mal war ich auf einer dreitägigen Tour durch die Schweiz während des Corona Lockdowns: am ersten Tag in der Linth-Ebene und am zweiten Tag in der Region Altenrhein am Wildcampen. Die Devise beim Wildcampen lautet wie übrigens überall in der Natur «Nichts mitnehmen und nichts dalassen». Durch das Wildcampen hat sich meine Standardausrüstung um ein paar wenige Gegenstände erweitert. Da wäre einmal ein kleiner Spaten, um eine Latrine einzurichten. Dann ein Wasserfilter für den Fall, dass man Wasser aus der Natur (Bach, Tümpel, Weiher etc.) gewinnen muss und eine Flaschendusche für die Körperpflege. Wichtig: keine Beauty Produkte, sondern nur eine All-in-One-Seife, die ökologisch abbaubar ist und für Körper, Haare, Rasur, Kleider und Geschirr verwendet werden kann, mitführen.

Campen ist für mich immer die erste Wahl. Falls aber mal das Wetter über mehrere Tage nicht mitspielt und kein Campingplatz in der Nähe ist, übernachte ich gerne auch mal in einem B&B, um die Kleider zu trocknen, die Powerbanks zu laden und die Ausrüstung wieder auf Vordermann zu bringen. Meine Powerbank lade ich normalerweise tagsüber mittels Solarpanel, was recht gut funktioniert. Nur wenn sich die Sonne über mehrere Tage nicht zeigen will, versuche ich es in einer Gaststätte (Campingplatz, Restaurant, B&B etc.).

Der Motorradcamper: Philipp (44, Metallbauschlosser)

Ich bin Fahrer eines Ural 750 Seitenwagenmotorrads und bekennender Zeltcamper. Ich bin meistens mit meiner Familie unterwegs. Mit der Zeltausrüstung auf dem Seitenwagenmotorrad sind wir Beispielsweise auch schon von hier bis ans Nordkapp und zurück gereist. Die Reiseroute haben wir schon Wochen im Voraus festgelegt. Ebenso die ungefähren Tagesetappen. Jedoch nicht die Campingplätze, da es auf unserer Route genügend Übernachtungsplätze gab.

Mit dem Ural 750 am Polarzirkel

Unser Zelt und treuer Begleiter ist auf jeder Motorradreise das “Robens Fairbanks”. Es hat die Form eines Tipis und ist sehr geräumig. Da es nur aus einer Zeltstange besteht und an den Seiten mittels Schnüren zum Boden festgezogen wird, ist es äusserst schnell aufgebaut. Der Zeltstoff besteht aus einem Polyester-Baumwoll-Gemisch. Bei Hitze herrscht im Zelt ein angenehmes Klima, während sich bei Regen die Baumwollfasern verschliessen und das Zelt wasserdicht machen. Es ist keine Imprägnierung nötig. Das Zelt ist sehr robust, trocknet schnell und trotzt jedem Sturm.

Zu dritt mit dem Seitenwagenmotorrad zu reisen ist ganz praktisch, weil das Motorad so geräumig ist. Anders als bei Silvio (dem Radcamper), wo das Gepäck kompakt und leicht sein muss, spielt es auf dem Ural keine so wichtige Rolle. Diese russischen Seitenwagenmotorräder sind richtige “Arbeitstiere”, welche zwar nicht so schnell fahren, jedoch auch voll beladen immer genug Kraft haben, um den Berg hoch zu kommen. Im Fussbereich vom Seitenwagen, oder auch Beiwagen genannt, bietet sich genügend Stauraum für Gepäck und Reparatursachen. Vorne und hinten auf dem Beiwagen ist ein Gepäckträger montiert, wo das Zelt, die Schlafsäcke und vieles mehr Platz findet. In den töffeigenen Munitionskisten lagere ich Lebensmittel. Sie sind dort gut geschützt vor Tieren und dem Wetter.

Der Ural 750 – Arbeitstier und Packesel zugleich

Das Essen und die Allgemeinwaren kaufen wir täglich unterwegs. Abends kochen wir Gerichte aus Nudeln, Risotto, oder grillieren Würstli. An Notvorrat habe ich auf jeder Reise eine Dose weisse Bohnen an Tomatensauce, eine Packung Knäckebrot und ein paar Flaschen Mineralwasser dabei. Pflaster und die Erstehilfe-Apotheke darf auch nicht fehlen.

Kochen auf dem Benzinherd

Auf diese Art zu campen und zu reisen ist ziemlich abwechslungsreich. Es gibt immer etwas zu tun. Einfach am Morgen das Zeltequipment einpacken, aufladen und weiterfahren geht nicht. Die erste Fahrt geht meistens zur Tankstelle. Oft muss man noch volltanken, etwas reparieren, etwas Motorenöl nachfüllen, oder ein Pneu muss nachgepumpt werden.

Oft trifft man im Nirgendwo weitere Töffcamper. Man wechselt ein paar Worte, hilft einander mit Werkzeug aus, bespricht das Wetter, die Reiseroute, oder den Strassenzustand und fährt dann weiter. Komischerweise trifft man abends dieselben Leute 400 km weiter, auch wieder im Nirgendwo auf demselben Campingplatz wieder an.

Der kleine Ölservice unterwegs

Ich bin kein Wildcamper. Ich bevorzuge Campingplätze und Bauernhöfe, die Camping anbieten. Ein bisschen komfortabel darf es dann schon sein.

Der VW-Bus-Camper: Severin (17, Automobilmechatroniker-Lehrling)

Am liebsten reise ich bei meinen Eltern im VW T6 Ocean Camperbus mit. Er ist ausgestattet mit einem Aufstelldach, Sonnenstoren, Standheizung, Klimaanlage, Velo-Heckständer, Kühlschrank, Kochherd und vielen Verstauungsmöglichkeiten.

Unser Expeditionsmobil – der VW T6 Ocean Camperbus

Am Liebsten schlafe ich im Aufstelldach, wo ich auch gerne ein Mittagsnickerchen mache oder lese, während meine Mutter unten das Mittagessen zubereitet. Von dort oben hat man auch eine gute Aussicht und hört den Regen sowie den Wind so schön. Während einer Norwegen-Reise habe ich von dort oben wunderbar Rentiere und Wildhasen beobachten können.

Als Familie im Camperbus Ferien zu machen ist ganz unkompliziert. Ausser morgens und abends, wenn die Rückbank zum Bett umfunktioniert wird. Das Gepäck muss dann jedes Mal umgeräumt werden. Hauptsächlich spielt sich das Leben aber draussen ab. Meistens kochen wir auch draussen auf dem Campinggaz-Kochherd.

Abendessen am See vor dem Camperbus

Oft benutzen wir den Camperbus auch am Wochenende, zum Übernachten, nach einer langen Wanderung in den Bergen. Es ist einfach viel weniger stressig, als wenn man direkt nach der Wanderung heimfahren muss. Man kann den Tag noch schön ausklingen lassen, einen Abendspaziergang machen und die Umgebung erkunden.

In der Schweiz und über die Grenze hinaus gibt es viele Camperstellplätze und “Park for Night” Plätze, wo man selber ein- und auschecken kann, was sehr praktisch ist. Oft nehmen wir unsere Velos mit. So ist man sehr mobil und kann die Gegend erkunden.

Weiterführende Informationen und Links

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